Zwischen Erleichterung, Schuld und Trauer
Ein Kontaktabbruch zur Mutter, zum Vater oder zur gesamten Familie kann sich erleichternd und gleichzeitig schmerzhaft anfühlen. Meist geht diesem Schritt eine lange Geschichte voraus. Gespräche enden immer wieder gleich, Grenzen werden nicht respektiert und Du fühlst Dich danach schuldig, klein oder völlig erschöpft. Irgendwann kommt der Punkt, an dem Du merkst, dass Du so nicht weitermachen möchtest.
Zweifel nach dem Kontaktabbruch
Nach dem Kontaktabbruch entsteht zunächst Ruhe. Du musst nicht mehr angespannt auf die nächste Nachricht warten oder schon vor einem Gespräch überlegen, was Du sagen kannst und was besser nicht. Trotzdem tauchen Gedanken auf:
War das wirklich nötig?
Hätte ich mich anders verhalten sollen?
Bin ich undankbar?
Es sind doch meine Eltern.
In Familien gibt es häufig klare Vorstellungen davon, was Zusammenhalt bedeutet und wie erwachsene Kinder mit ihren Eltern umgehen sollten. Loyalität, Respekt und Rücksicht spielen dabei eine große Rolle. Schuldgefühle können entstehen, obwohl Du eine Grenze gesetzt hast, die für Dich wichtig war. Gedanken wie „So verhält man sich nicht gegenüber seinen Eltern“ oder „Ich müsste doch für sie da sein“ sind plötzlich sehr präsent. Schnell entsteht das Gefühl, für das Wohlbefinden der Eltern verantwortlich zu sein. Dabei wird unklar, wofür Du tatsächlich Verantwortung trägst. Du bist für Deine Entscheidungen verantwortlich, nicht dafür, wie Deine Eltern darauf reagieren. Schuldgefühle lassen Dich an einer Entscheidung zweifeln, obwohl der Wunsch nach Abstand nicht aus Gleichgültigkeit entstanden ist, sondern aus dem Bedürfnis, Dich selbst zu schützen.
Trauer um das, was gefehlt hat
Nach einem Kontaktabbruch kann neben Erleichterung auch Trauer entstehen. Nicht nur über die Beziehung, wie sie war, sondern auch über das, was Du Dir von Deinen Eltern gewünscht hättest. Verständnis, Rückhalt, Interesse oder das Gefühl, mit Deinen Bedürfnissen willkommen zu sein. Trauer entsteht auch, weil Du Dich von der Hoffnung verabschiedest, dass es doch noch anders wird und Deine Eltern Dich verstehen, Deine Grenzen respektieren und ernst nehmen. Zu erkennen, dass sich daran nichts ändern wird, kann sehr schmerzhaft sein.
Deine Grenze braucht keine Zustimmung
Andere Familienmitglieder können Deine Entscheidung kritisch sehen. Sie versuchen zu vermitteln, erzählen Dir, wie sehr Deine Eltern unter der Situation leiden und fordern Dich auf, wieder Kontakt aufzunehmen. Dadurch können Zweifel und Schuldgefühle wieder verstärkt werden, besonders dann, wenn Du das Gefühl bekommst, für die Situation verantwortlich zu sein. Geschwister, Verwandte oder andere nahestehende Personen kennen nur einen Teil dessen, was Du mit Deinen Eltern erlebt hast. Ihre Sicht auf die Beziehung kann eine ganz andere sein als Deine. Du musst Deine Entscheidung nicht erklären. Deine Grenze bleibt bestehen, auch wenn andere sie nicht nachvollziehen können.
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